
Auch in der Musik ist vieles scheinbar Festgefügte nur Konvention und Vorurteil. So ist die allgemein verfügte rigide Trennung zwischen Jazz und Klassik, und damit zwischen Improvisation und Komposition, bestenfalls ein Konstrukt – wurde doch schon im Barock eifrig improvisiert, andererseits beispielsweise von Stan Kentons Bigband nahezu ausschließlich Durchkomponiertes gespielt. Immerhin liegt es, wie viele aktuelle Projekte belegen, derzeit erfreulicherweise wieder im Trend, dass sich Jazzer klassischen Materials bemächtigen und klassische Musiker vermehrt den engen Rahmen der Interpretation fremder Werke sprengen.
Einer, der trotz seiner Jugend im Wandeln zwischen den Welten bereits Übung hat und damit in jüngster Zeit große Erfolge feierte, ist der junge Wiener Geiger Johannes Dickbauer. Die Laufbahn des 26-Jährigen verlief zunächst absolut „klassisch“. Mit vier Jahren bekam er ersten Geigenunterricht, nach dem Schulabschluss studierte er zunächst bei Benjamin Schmid am Salzburger Mozarteum, danach bei Gerhard Schulz vom Alban Berg Quartett an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Vor allem am Mozarteum konnte er zwar erste Erfahrungen mit Improvisation sammeln, in der Praxis blieb das zunächst noch ohne Folgen. Dickbauer wurde 2002 zum Graduiertenstudium am renommierten Curtis Institute of Music in Philadelphia in der Klasse von Pamela Frank aufgenommen. Noch während dieser Zeit gründete er mit Kommilitonen das Vertigo String Quartet. Auch als junger Solist machte er sich schnell einen Namen, gewann mehrere Preise – unter anderem den ersten Preis bei Wiener „Prima La Musica“ oder bei „Musica Juventutis“ - und spielte unter anderem mit Sir Yehudi Menuhin.
In eine neue Richtung, eben zur Improvisation und zum Jazz, führte ihn erst 2006 der Eintritt in das radio.string.quartet.vienna. Schon mit dem Debüt-Programm „Celebrating the Mahavishnu Orchestra“, das John McLaughlins legendäre Jazzrock- und Ethnoband radikal neu interpretierte, gelang ein Sensationserfolg. Mit den folgenden Projekten an der Seite des Akkordeonisten Klaus Paier, des Gitarristen Ulf Wakenius und zuletzt der Sängerin Rigmor Gustafsson erlangten die vier endgültig einen Ausnahmestatus: als ein mit klassischer Präzision und Formenkultur furiosen Jazz erzeugendes Ensemble, das dem Genre Streichquartett eine neue Dimension eröffnet..
Ein Erfolg, der Dickbauer Mut gemacht hat, Ähnliches in intimerem Rahmen zu unternehmen: das Duo-Projekt „Red Blanket“ mit dem Pianisten Roman Rabinovich. Beide kennen sich aus Philadelphia, wo sie fünf Jahre lang zusammen studierten und seither eng befreundet sind. Auch der 23-jährige Rabinovich kann trotz seiner Jugend schon auf eine steile Karriere verweisen, bislang ausschließlich in der klassischen Musik, gipfelnd im Gewinn des prestigeträchtigen Internationalen Arthur Rubinstein Wettbewerb 2008. Er debütierte als Zehnjähriger - ein Jahr, nachdem er mit seiner Familie aus dem usbekischen Taschkent nach Israel übersiedelt war - beim Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta. Heute hat er bereits mit etlichen der großen Orchester und Dirigenten gespielt und die wichtigsten Konzerthäuser der Welt bereist. Rabinovich malt auch mit Leidenschaft, gerne verbindet er Konzerte mit Ausstellungen seiner Werke. Eines ziert dementsprechend auch das Cover von „Red Blanket“.
Trotz der weit entfernten Lebens- und Arbeitswelten blieben Dickbauer und Rabinovich immer in Kontakt: „Wir haben uns immer wieder mal getroffen und einfach so gespielt, einfach zum Spaß, und wir haben uns gegenseitig zum Improvisieren angestiftet,“ berichtet Dickbauer. Im vergangenen Sommer führte sie ein Auftritt in Kremsmünster wieder einmal zusammen. „Da habe ich gesagt: ,Ich habe die Musikschulschlüssel, gehen wir dorthin und spielen ein paar Tage‘. Das hat total Spaß gemacht, und bald kam die Idee auf, das festzuhalten.“ Drei Tage lang spielten sie dann wenig später für die Aufnahme von „Red Blanket“ zusammen: „Wir haben probiert, gespielt und immer wieder viel diskutiert, und so ist es zustande gekommen. Wir haben ganz frei angefangen, dann immer wieder kurz reingehört, Ideen aus dem schon Gespielten verworfen oder übernommen, geändert und wieder verändert.“
Als Ergebnis kann man nun eine verwegene Suite in Händen halten. Die ineinander übergehenden und von Leitmotiven getragenen Stücke auf „Red Blanket“ bezeugen den fruchtbaren Dialog zweier herausragender Musiker. Virtuos und in wechselnden Rollen variieren Dickbauer und Rabinovich ihr musikalisches Zwiegespräch über Harmonie und Dissonanz, über Strukturen und deren spontane Auflösung. Alles, was es zu einem anregenden Gespräch braucht, ist enthalten: Die grundlegene These, formuliert in „Our Travel“; das ruhige Eingehen auf den anderen, mit lyrischen, das Gefühl ansprechenden Passagen („Regarding Wave“); die spannungsreiche rasante Steigerung des Tempos („Fastinsk“, dessen witziger Titel beim gemeinsamen Urlaub in Kroatien entstanden ist, bei dem Rabinovich Dickbauer ein paar Worte Russisch beibrachte); das wohlgeordnete Argumentieren, gespiegelt in einer verfremdeten Bach-Fuge in „Interlude“; Zitat bekannt wirkender Klangfarben („A Letter To Troy“); und nicht zuletzt Humor, etwa wenn bei „Nomadic Elegy“ das Thema von „Für Elise“ anklingt oder sich am Schluss bei „Strings Of Horses That Didn’t Know How To Fly“ einige Takte Volksmusik Bahn brechen.
So ist mit „Red Blanket“ ein Werk freier Geister entstanden, das alle Sinne anspricht. Und hoffentlich möglichst viele aus allen Lagern zu Anhängern mitreißender Musik von starken Individuen macht.
(Oliver Hochkeppel, Süddeutsche Zeitung)